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Was ist ein KI-Agent? Definition, Beispiele, Kosten

Ein KI-Agent verfolgt ein Ziel in mehreren Schritten und nutzt Werkzeuge. So läuft die Schleife ab, was sie kostet und wo Agenten scheitern. Mit Beispielen.

FHFinn Hillebrandt
Zuletzt aktualisiert:
Technik
Was ist ein KI-Agent? Definition, Beispiele, Kosten

Ein KI-Agent ist ein System, in dem ein Sprachmodell ein Ziel in mehreren Schritten verfolgt und dabei Werkzeuge nutzt. Es schaut sich die Lage an, plant den nächsten Schritt, handelt und prüft das Ergebnis. Das wiederholt es, bis die Aufgabe erledigt ist oder es nicht weiterkommt.

Stell dir einen Praktikanten vor, dem du nicht jeden Handgriff erklärst, sondern nur ein Ziel, zum Beispiel „Finde heraus, welche Konkurrenten ihre Preise geändert haben.“ Er überlegt sich einen Weg, öffnet Webseiten, notiert Ergebnisse, merkt, dass eine Seite nicht lädt, und versucht es anders. Ein Chatbot würde dir dagegen eine Antwort aus dem Gedächtnis geben.

1. Wie ein Agent funktioniert

Das Herzstück ist eine Schleife. Ein Sprachmodell allein kann nur Text erzeugen. Erst die Schleife drumherum macht daraus einen Agenten.

1.1 Die Schleife

  1. Wahrnehmen: Das Modell bekommt das Ziel und alles, was bisher passiert ist, als Text in den Prompt.
  2. Planen: Es überlegt, welcher Schritt als Nächstes sinnvoll ist, und wählt ein Werkzeug.
  3. Handeln: Das Programm um das Modell herum führt das Werkzeug wirklich aus, zum Beispiel eine Suche oder einen Test.
  4. Prüfen: Das Ergebnis wandert zurück in den Verlauf. Das Modell entscheidet, ob es weitermacht, einen anderen Weg wählt oder fertig ist.

Das Muster stammt aus der Forschung. Ein Team um Shunyu Yao zeigte 2022 mit „ReAct“, dass Modelle besser arbeiten, wenn sie Überlegen und Handeln abwechseln und dabei Informationen von außen holen. Anthropic betont in seinem Leitfaden zu Agenten einen weiteren Punkt. Bei jedem Schritt braucht der Agent echte Rückmeldung aus der Umgebung, etwa ein Testergebnis, damit er seinen Fortschritt beurteilen kann. Meist gibt es außerdem eine Obergrenze für die Zahl der Schritte.

1.2 Die Werkzeuge

Ein Werkzeug ist eine Funktion, die das Modell anfordern kann. Dafür beschreibst du dem Modell, was die Funktion tut und welche Angaben sie braucht. Das Modell schreibt dann keinen Fließtext, sondern einen strukturierten Aufruf, etwa „Suche nach diesem Begriff“. Dieses Verfahren heißt Function Calling. Dein Programm führt den Aufruf aus und gibt das Ergebnis zurück. Das Modell selbst führt also nie etwas aus.

Damit nicht jede Anwendung ihre Werkzeuge neu verdrahten muss, gibt es mit dem Model Context Protocol (MCP) einen offenen Standard. Er verbindet Agenten mit Datenquellen und Diensten über eine gemeinsame Schnittstelle. Hinzu kommen Wissensquellen, die der Agent über RAG durchsucht, und Anweisungen aus dem System-Prompt, die Rolle und Grenzen festlegen. Bei Coding-Agenten ist das oft eine Projektdatei wie AGENTS.md.

2. Chatbot, Workflow oder Agent?

Nicht alles, was „Agent“ heißt, ist einer. Anthropic unterscheidet zwei Bauweisen. Bei Workflows laufen Sprachmodell und Werkzeuge über vordefinierte Codepfade. Bei Agenten steuert das Modell Ablauf und Werkzeugeinsatz selbst. Die Tabelle ordnet die drei Varianten ein:

Chatbot
Wer bestimmt den Ablauf?
Du, mit jeder Nachricht
Gut für
Fragen, Texte, Ideen
Preis der Autonomie
Gering. Jede Antwort ist ein einzelner Aufruf.
Workflow
Wer bestimmt den Ablauf?
Dein Code, in festen Schritten
Gut für
Wiederkehrende Aufgaben mit bekanntem Ablauf, etwa Mail klassifizieren und weiterleiten
Preis der Autonomie
Mittel. Vorhersehbar, aber starr.
Agent
Wer bestimmt den Ablauf?
Das Modell, Schritt für Schritt
Gut für
Offene Aufgaben, bei denen der Weg vorher unklar ist, etwa einen Fehler im Code finden
Preis der Autonomie
Hoch. Mehr Kosten, Fehler können sich aufschaukeln.
Anthropic, Building effective agents
gradually.ai

Anthropic rät zur einfachsten Lösung, die reicht. Ein Workflow ist oft besser als ein Agent, weil er billiger und berechenbarer ist. Einen Agenten lohnt es erst, wenn sich der Weg zum Ziel nicht vorab festlegen lässt.

3. Was ist Agentic AI?

Agentic AI ist der Oberbegriff für Systeme, die nach diesem Prinzip arbeiten. Sie verfolgen ein Ziel und wählen ihre Schritte selbst. Das Wort „agentic“ heißt wörtlich „agentisch“, also „handelnd“. Der Begriff beschreibt eine Eigenschaft, kein einzelnes Produkt. Ein System kann mehr oder weniger agentisch sein, je nachdem, wie viel Entscheidungsspielraum das Modell hat.

Zwei Abgrenzungen helfen:

  • Gegenüber generativer KI: Generative KI erzeugt Inhalte auf Anfrage und ist danach fertig. Agentic AI setzt solche Modelle in eine Schleife und lässt sie handeln. Es ist keine Alternative, sondern ein Aufbau auf generativer KI.
  • Gegenüber Workflows und klassischer Automatisierung: Eine Automatisierung folgt einem festen Plan, den ein Mensch vorher entworfen hat. Ein agentisches System entscheidet während der Arbeit selbst, welchen Schritt es als Nächstes geht, und passt sich an, wenn etwas schiefläuft.

4. Wo Agenten heute im Einsatz sind

  • Coding-Agenten: Sie lesen dein Projekt, schreiben Änderungen, führen Tests aus und beheben Fehler, bis die Tests bestehen. In unserem Harness-Verzeichnis stehen 35 aktive Coding-Agenten, davon 16 Open Source und 29 mit Terminal-Oberfläche.
  • Computer Use: Das Modell sieht den Bildschirm, bewegt die Maus und tippt auf der Tastatur. Anthropic stellte das im Oktober 2024 vor. Es erlaubt Aufgaben in Programmen, die keine Schnittstelle bieten.
  • Recherche-Agenten: Werkzeuge wie Deep Research suchen, lesen und vergleichen viele Quellen und fassen sie in einem Bericht zusammen.

Einen Überblick mit Zahlen zur Verbreitung gibt der Artikel KI-Agenten Statistiken.

5. Praxisbeispiel: ein Lauf Schritt für Schritt

Ein ausgedachtes Beispiel. Ein Coding-Agent soll einen fehlschlagenden Test reparieren. Das Protokoll zeigt, wie sich die Schleife anfühlt:

text
Ziel: Der Test „berechne_rabatt“ schlägt fehl. Mach ihn grün.

Schritt 1  Plan: Erst den Fehler sehen.
           Werkzeug: Tests ausführen
           Ergebnis: 1 Fehler, erwartet 90.0, erhalten 100.0

Schritt 2  Plan: Die Funktion lesen.
           Werkzeug: Datei öffnen (rabatt.py)
           Ergebnis: Rabatt wird berechnet, aber nie abgezogen.

Schritt 3  Plan: Abzug ergänzen.
           Werkzeug: Datei ändern (rabatt.py, Zeile 12)
           Ergebnis: Änderung gespeichert.

Schritt 4  Plan: Prüfen, ob es hilft.
           Werkzeug: Tests ausführen
           Ergebnis: 12 von 12 Tests bestanden.

Ende       Ich habe in rabatt.py den fehlenden Abzug ergänzt.
           Alle Tests laufen durch.

Beachte Schritt 4. Der Agent behauptet nicht, dass es klappt, sondern prüft es. Dieses Prüfen gegen die Wirklichkeit unterscheidet einen guten Agenten von einem Modell, das nur Code vorschlägt.

6. Rechenbeispiel: was die Schleife kostet

Bei einem Chat zahlst du für Frage und Antwort. Ein Agent schickt bei jedem Schritt den kompletten Verlauf neu an das Modell, also Anweisungen, Werkzeugbeschreibungen, alle bisherigen Aufrufe und Ergebnisse. Der Verlauf wächst, und mit ihm die Zahl der Token, die in das Context Window passen müssen.

Ein ausgedachtes Beispiel mit 10 Schritten. Der Anfang aus System-Prompt, Werkzeugbeschreibungen und Aufgabe umfasst 5.000 Token. Jeder Schritt fügt etwa 2.000 Token hinzu (Werkzeugaufruf und Ergebnis), und das Modell schreibt pro Schritt rund 300 Token. Gerechnet ist mit dem Preis von Claude Sonnet 5.5.

Schritt 1
Eingabe-Token
5.000
Kosten (Eingabe und Ausgabe)
0,013 $
Schritt 2
Eingabe-Token
7.000
Kosten (Eingabe und Ausgabe)
0,017 $
Schritt 5
Eingabe-Token
13.000
Kosten (Eingabe und Ausgabe)
0,029 $
Schritt 10
Eingabe-Token
23.000
Kosten (Eingabe und Ausgabe)
0,049 $
Summe (10 Schritte)
Eingabe-Token
140.000
Kosten (Eingabe und Ausgabe)
0,31 $
Eigene Berechnung, Preis von Claude Sonnet 5.5
gradually.ai

Über alle Schritte hinweg gehen 140.000 Eingabe-Token durch das Modell, rund das 28-Fache des Anfangs. Das kostet 0,31 $. Eine einzelne Antwort mit demselben Anfang käme auf 0,013 $. Der Lauf kostet also ein Vielfaches einer Einzelantwort, obwohl jeder Schritt für sich klein ist.

Die Rechnung lässt sich drücken. Beim Prompt-Caching merkt sich der Anbieter den unveränderten Anfang des Prompts, und gelesene Cache-Token kosten bei Anthropic höchstens ein Zehntel des normalen Eingabepreises. Da bei einem Agenten der Anfang bei jedem Schritt gleich bleibt, wirkt das stark.

7. Grenzen und Missverständnisse

  • Fehler summieren sich. Eine ausgedachte Rechnung. Gelingt jeder Schritt mit 95 % Wahrscheinlichkeit und sind die Schritte unabhängig, klappen zehn Schritte hintereinander nur in rund 60 % der Läufe (0,95 hoch 10 ergibt etwa 0,6). Anthropic nennt als Preis der Autonomie ausdrücklich höhere Kosten und sich aufschaukelnde Fehler und rät zu ausgiebigen Tests in abgeschotteten Umgebungen. Das Modell kann zudem halluzinieren, etwa ein Werkzeugergebnis falsch deuten oder einen Schritt als erledigt melden, der nie lief.
  • Prompt Injection. Ein Agent liest fremde Inhalte, etwa Webseiten, E-Mails oder Dokumente. Steht dort eine versteckte Anweisung, kann er sie befolgen, als käme sie von dir. Forscher um Kai Greshake haben das 2023 an echten Anwendungen gezeigt. Mehr dazu im Eintrag zu Prompt Injection.
  • Kosten und Laufzeit. Siehe Rechenbeispiel. Mehr Schritte heißen mehr Token. Ohne Obergrenze für die Zahl der Schritte kann ein Agent in einer Schleife hängen bleiben und Geld verbrennen.
  • Zugriffsrechte. Was der Agent kann, hängt von den Werkzeugen ab, die du ihm gibst. Ein Agent mit Schreibzugriff auf deine Dateien kann sie auch löschen. Gib nur die Rechte, die für die Aufgabe nötig sind, und lass riskante Schritte wie Löschen, Bezahlen oder Senden von dir bestätigen.
  • Missverständnis „Agent heißt autonom“. In der Praxis laufen viele Agenten mit einem Menschen in der Schleife, der Zwischenstände prüft. Vollständige Autonomie ist nicht immer das Ziel.

8. Was heißt das für dich?

  • Frag zuerst, ob du einen Agenten brauchst. Ist der Ablauf bekannt, reicht ein Workflow. Er ist billiger und berechenbarer.
  • Gib ein prüfbares Ziel vor. „Alle Tests laufen durch“ funktioniert besser als „Verbessere den Code“. Der Agent braucht ein Kriterium, an dem er sein Ergebnis messen kann.
  • Begrenze Rechte und Schritte. Setze eine Obergrenze für die Zahl der Schritte und gib nur Zugriff auf das, was nötig ist. Teste neue Agenten in einer abgeschotteten Umgebung.
  • Behalte die Kontrolle bei riskanten Aktionen. Bestätigungen für Löschen, Zahlen und Senden kosten Sekunden und verhindern teure Fehler.
  • Prüfe Stichproben. Lies das Protokoll eines Laufs, nicht nur das Ergebnis. So erkennst du, ob der Agent sauber gearbeitet oder nur zufällig Erfolg hatte.
  • Misstraue fremden Inhalten. Lässt du einen Agenten Webseiten oder Mails lesen, behandle deren Inhalt als nicht vertrauenswürdig.

Häufig gestellte Fragen

Ein KI-Agent bekommt ein Ziel statt einer einzelnen Frage und arbeitet es in mehreren Schritten ab. Er schaut sich die Lage an, plant den nächsten Schritt, ruft ein Werkzeug auf (Suche, Dateien, Programmcode, ein Browser) und prüft das Ergebnis. Danach entscheidet er, ob er weitermacht oder fertig ist. Ein Sprachmodell übernimmt dabei das Denken, das Werkzeug erledigt die Arbeit in der echten Welt.

Generative KI erzeugt Inhalte wie Text, Bilder oder Code auf eine Anfrage hin. Agentic AI nutzt solche Modelle, um Aufgaben selbstständig zu erledigen. Sie plant, ruft Werkzeuge auf, prüft Zwischenergebnisse und macht weiter, bis das Ziel erreicht ist. Agentic AI baut also auf generativer KI auf und setzt eine Schleife mit Handlungen darum. Ein Chatbot, der nur antwortet, ist generative KI. Ein System, das dein Postfach durchsucht, Termine abstimmt und Einladungen verschickt, ist agentisch.

Wörtlich heißt es „agentisch“, abgeleitet von „Agent“. Sinngemäß bedeutet es „selbstständig handelnd“ oder „zielgerichtet vorgehend“. Gemeint ist ein System, das nicht nur Antworten liefert, sondern mehrere Schritte eigenständig plant und ausführt. Im Deutschen sagt man meist „agentische KI“ oder bleibt beim englischen „Agentic AI“.

Im Kern nicht. Ein normaler Chat ist ein Dialog. Du fragst, das Modell antwortet. Agentisch wird es, sobald das Modell Werkzeuge nutzt und mehrere Schritte selbst steuert, etwa wenn es im Web recherchiert, Code ausführt oder eine Aufgabe über viele Zwischenschritte erledigt. Dann arbeitet es als Agent. Die Grenze ist fließend. Entscheidend ist, ob das Modell selbst bestimmt, welchen Schritt es als Nächstes geht, oder ob nur eine feste Abfolge abläuft.

Es gibt Agenten für verschiedene Aufgaben. Coding-Agenten schreiben und testen Code in deinem Projekt. Unser Harness-Verzeichnis listet derzeit 35 davon. Recherche-Agenten wie Deep Research durchsuchen viele Quellen und schreiben einen Bericht. Computer-Use-Agenten bedienen Programme über Bildschirm und Maus. Dazu kommen Sprach-Agenten für Telefon und Kundenservice sowie persönliche Agenten, die in deinem Namen E-Mails, Kalender und Dateien verwalten.

Einen festen Preis gibt es nicht, er hängt davon ab, wie du den Agenten nutzt. Bei einem Abo zahlst du eine Pauschale, bei Nutzung über die API bezahlst du die verbrauchten Token. Ein Agent braucht davon deutlich mehr als ein Chat, weil er bei jedem Schritt den bisherigen Verlauf erneut mitschickt. In unserem Rechenbeispiel mit Claude Sonnet 5.5 kostet ein Lauf über 10 Schritte rund 0,31 $, eine einzelne Antwort mit demselben Anfang dagegen 0,013 $. Preise von Abos vergleichst du im KI-Abo-Vergleich.

Für den Einstieg reichen die Agenten-Funktionen, die viele Chatbots schon mitbringen, etwa Recherche über mehrere Quellen, Dateien auswerten und Aufgaben in Schritten abarbeiten. Wer Programme oder Webseiten bauen will, kann einen Coding-Agenten probieren, mehrere davon sind Open Source und im Harness-Verzeichnis gelistet. Eigene Agenten, die auf deine E-Mails oder Dateien zugreifen, brauchen mehr Vorsicht. Mehr dazu im Artikel über persönliche KI-Agenten. Selbst bauen kostet nichts für die Software, wohl aber Token oder Hardware für ein lokales Modell.
Quellen und Referenzen
FH

Finn Hillebrandt

KI-Experte & Blogger

Finn Hillebrandt ist der Gründer von Gradually AI, SEO- und KI-Experte. Er hilft Online-Unternehmern, ihre Prozesse und ihr Marketing mit KI zu vereinfachen und zu automatisieren. Finn teilt sein Wissen hier auf dem Blog in 50+ Fachartikeln sowie über den KI Business Club.

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