Vor drei Jahren waren Robotaxis ein Nischenexperiment in Phoenix und Wuhan. Heute macht Waymo rund 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche, Apollo Go hat die Marke von 22 Millionen Fahrten geknackt, und in Zagreb fährt Europas erstes kommerzielles Robotaxi.
Zeit für einen nüchternen Blick auf die Zahlen. Ich habe für diesen Artikel die offiziellen Fahrten- und Sicherheitsdaten, die Quartalsberichte der Anbieter, die US-Regulierungsdokumente und die Europa-Pläne zusammengetragen und alle Kernzahlen gegenprüfen lassen. Inklusive der Lücke zwischen Teslas Ankündigungen und Teslas Flotte.
- Waymo dominiert den Westen: rund 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche (März 2026), über 20 Mio. Fahrten insgesamt (offiziell Stand Ende 2025), ca. 3.500 Fahrzeuge in 11 öffentlichen Städten und eine 16-Mrd.-USD-Finanzierung im Februar 2026
- Baidus Apollo Go ist der stille Riese: über 22 Mio. kumulative Fahrten (April 2026) in 27 Städten weltweit, inzwischen auch fahrerlos in Dubai und Abu Dhabi
- Teslas Robotaxi-Realität bleibt klein: 59 Fahrzeuge zählte Bloomberg im Juni 2026, versprochen waren über 500 allein für Austin. Und Europa startet gerade erst, mit Zagreb als Premiere
1. Der Markt im Überblick
Die wichtigsten Kennzahlen der großen Anbieter auf einen Blick:
Zwei Unternehmen spielen in einer eigenen Liga. Waymo führt bei wöchentlichen Fahrten und Flottengröße, Apollo Go bei den kumulativen Fahrten. Alle anderen, Tesla eingeschlossen, liegen mindestens eine Größenordnung dahinter.
2. Waymo: Der Marktführer
2.1. Eine halbe Million Fahrten pro Woche
Waymos Wachstumskurve ist die beeindruckendste Zeitreihe der Branche:
Von 50.000 auf 500.000 wöchentliche Fahrten in knapp zwei Jahren, eine Verzehnfachung. 2025 kam Waymo auf rund 15 Mio. Fahrten im Gesamtjahr, dreimal so viele wie 2024. Co-CEO Tekedra Mawakana hat als Ziel 1 Mio. Fahrten pro Woche bis Ende 2026 ausgegeben.
2.2. Von Phoenix bis Las Vegas: die Städte
Elf Städte sind öffentlich buchbar, in vier weiteren (Las Vegas, Denver, San Diego, Tampa) läuft seit Juli 2026 der fahrerlose Betrieb zunächst mit Mitarbeitern. Dazu kommen internationale Pläne: London soll noch 2026 Waymos erster Markt außerhalb der USA werden, Tokio ist im Test.
2.3. Die 16-Milliarden-Runde
Im Februar 2026 sammelte Waymo 16 Mrd. USD ein, angeführt von Sequoia, DST Global und Dragoneer, bei einer Bewertung von 126 Mrd. USD. Zum Vergleich: Ende 2024 lag die Bewertung noch bei 45 Mrd. USD. Der Robotaxi-Markt hat damit sein erstes Unternehmen in der Größenordnung eines DAX-Schwergewichts.
3. Sicherheit: Was die Daten wirklich sagen
Das wichtigste Verkaufsargument der Branche ist die Sicherheit. Waymos Safety Hub vergleicht die eigenen Unfallzahlen mit einem lokal angepassten menschlichen Vergleichsfahrer, nach inzwischen 220,6 Mio. fahrerlosen Meilen (Stand März 2026):
94 % weniger Unfälle mit schweren oder tödlichen Verletzungen, 93 % weniger Fußgänger-Verletzungsunfälle. Das sind Waymos eigene Zahlen, aber sie werden von unabhängiger Seite gestützt:
Eine gemeinsame Studie mit dem Rückversicherer Swiss Re (Basis: über 500.000 Schadensfälle als Vergleichsgruppe) fand 88 % weniger Sachschadens- und 92 % weniger Personenschadensfälle. Und eine von den Herstellern unabhängige Studie der University of Central Florida in Nature Communications bestätigt für die meisten Szenarien eine geringere Unfallwahrscheinlichkeit autonomer Fahrzeuge, mit zwei Ausnahmen: Dämmerungslicht und Abbiegemanöver.
Fehlerfrei ist aber auch der Marktführer nicht. Dazu mehr in Sektion 8.
4. Tesla: Große Versprechen, kleine Flotte
Kein Robotaxi-Programm produziert mehr Schlagzeilen als Teslas, und bei keinem klaffen Ankündigung und Realität weiter auseinander.
Die Fakten:
Tesla startete am 22. Juni 2025 in Austin mit rund 10 Model Y und Sicherheitsbegleitern auf dem Beifahrersitz. Im Juli 2025 versprach Elon Musk, bis Jahresende „die halbe US-Bevölkerung“ abzudecken, im Herbst kamen über 500 Fahrzeuge allein für Austin dazu. Tatsächlich zählte Bloomberg im Juni 2026 insgesamt 59 Fahrzeuge in drei texanischen Städten.
Fairerweise gab es echte Fortschritte:
Seit Juni 2026 fährt ein wachsender Teil der Austin-Flotte im gesamten Stadtgebiet ohne Sicherheitsbegleiter (bei einem Bloomberg-Test hatte aber noch rund jede dritte Fahrt einen Begleiter an Bord), und der Miami-Start am 3. Juli 2026 war von Tag eins an fahrerlos, Teslas erster Markt außerhalb von Texas und Kalifornien. Kurios bleibt die Bay Area. Dort fährt Teslas „Robotaxi“ laut der kalifornischen Regulierungsbehörde CPUC rechtlich als Limousinen-Service, mit einem lizenzierten menschlichen Fahrer als Operator. Ein Antrag auf eine echte Fahrerlos-Genehmigung lag bis zuletzt nicht vor.
5. Apollo Go: Der stille Riese aus China
Während der Westen auf Waymo und Tesla schaut, hat Baidus Apollo Go still die größte kumulative Fahrtenbilanz der Welt aufgebaut:
Über 22 Mio. Fahrten (Stand April 2026), mit deutlich steigendem Tempo: Allein im vierten Quartal 2025 kamen 3,4 Mio. Fahrten dazu (Wochenspitze über 300.000), im März 2026 lag der Wochenrekord bereits über 350.000. Apollo Go ist in 27 Städten weltweit aktiv und expandiert aggressiv international, seit Januar 2026 fahrerlos in Abu Dhabi, seit April 2026 in Dubai, seit Februar 2026 im Großraum Seoul, dazu Tests in der Schweiz (als „AmiGo“ mit PostAuto). Reibungslos läuft es nicht immer: Ende März 2026 blieben in Wuhan bei einer Betriebsstörung fast 100 Robotaxis gleichzeitig im Verkehr liegen.
Der vielleicht wichtigste Wert ist aber ein ökonomischer:
Das Fahrzeug der sechsten Generation (RT6) bezifferte Baidu bei der Vorstellung 2024 auf einen Herstellungspreis von rund 28.600 USD, einen Bruchteil westlicher Robotaxi-Kosten. Und in Wuhan fährt Apollo Go nach Baidu-Angaben von Ende 2025 pro Fahrzeug bereits profitabel. Robotaxis werden in China zuerst profitabel.
6. Die Verfolger: Zoox, WeRide, Pony.ai & Co.
Bemerkenswert ist das Tempo der chinesischen Anbieter. Pony.ai hat seine Flotte binnen eines Jahres von unter 300 auf über 1.700 Fahrzeuge versechsfacht und den Umsatz im ersten Quartal 2026 um 395 % gesteigert. WeRide hält Lizenzen in acht Ländern. Und Amazon-Tochter Zoox hat bereits über 500.000 Fahrgäste befördert (Stand Juni 2026), darf aber mangels US-Ausnahmegenehmigung noch kein Geld verlangen.
Die Flottengrößen im direkten Vergleich:
Apollo Go fehlt im Flotten-Vergleich bewusst: Baidu publiziert keine Gesamtflottenzahl, nur Einzelwerte wie über 1.000 Fahrzeuge in Wuhan, dem größten Einzelstandort, aus der Branchenpresse.
7. Preise: Das Robotaxi holt auf
Kosten Robotaxis mehr als Uber? Ja, noch. Aber die Kurven bewegen sich aufeinander zu:
Waymo wurde binnen neun Monaten rund 4 % günstiger, während Uber 12 % und Lyft 7 % teurer wurden. Der Waymo-Aufpreis gegenüber Uber schrumpfte damit auf gut 2 USD pro Fahrt. Rechnet man das wegfallende Trinkgeld ein, ist der Abstand faktisch noch kleiner. Die Ökonomie spricht langfristig für das Robotaxi: kein Fahrer, sinkende Hardwarekosten, steigende Auslastung.
8. Regulierung & Rückschläge: Das Jahr der Untersuchungen
2026 ist auch das Jahr, in dem die Aufsichtsbehörden ernst machen. Die wichtigsten offenen Verfahren:
Interessant ist der Kontrast zu den kalifornischen Testdaten. Dort fuhr Waymo zuletzt 5,2 Mio. Meilen mit nur einem Eingriff (Disengagement) alle 63.415 Meilen, Branchenbestwert. Die Regulierungsverfahren zeigen trotzdem: Auch statistisch sichere Systeme produzieren Einzelfälle, die Behörden und Öffentlichkeit nicht durchgehen lassen. Die kalifornische DMV hat im April 2026 sogar neue Melderegeln verabschiedet, die die als überholt geltende Disengagement-Statistik durch neue Sicherheitsmetriken ersetzen.
9. Marktprognosen: Milliardenmarkt mit Bandbreite
Goldman Sachs liefert die detaillierteste Rechnung: von rund 7.000 Robotaxis weltweit (2025) auf etwa 1 Mio. (2030) und 6 Mio. (2035), mit einem globalen Marktvolumen von 415 Mrd. USD. Die Spannbreite der Prognosen (105 bis 415 Mrd. USD für 2035) entsteht wie üblich durch unterschiedliche Marktabgrenzungen. Der gemeinsame Nenner ist trotzdem klar. Alle rechnen mit einem Faktor 100+ beim Flottenwachstum binnen zehn Jahren.
10. Europa & Deutschland: Der verspätete Start
Europa hat 2026 endlich seinen ersten kommerziellen Robotaxi-Dienst, nur eben nicht in Deutschland, sondern in Kroatien.
Seit dem 8. April 2026 fährt in Zagreb Verne, die Robotaxi-Tochter von Rimac, mit Pony.ai-Technik und Uber als Partner, auf 90 Quadratkilometern inklusive Flughafen. Es folgen ambitionierte Pläne quer über den Kontinent: Waymo will London noch 2026 bedienen, Uber/Wayve sammeln dort bereits Wartelisten, WeRide und Uber haben Madrid angekündigt (Start gegen Ende 2026, zunächst mit Sicherheitsfahrer) und planen Zürich, und Apollo Go testet als „AmiGo“ mit PostAuto in der Ostschweiz.
Und Deutschland? Hier ist der Stand ernüchternd konkret:
Den Rechtsrahmen gibt es seit 2021 (Gesetz zum autonomen Fahren) und 2022 (AFGBV), als eines der ersten Länder weltweit. Das größte Projekt ist ALIKE in Hamburg: MOIA (VW) und HOCHBAHN testen bis zu 20 autonome ID.Buzz auf 37 Quadratkilometern, gefördert mit 26 Mio. Euro vom Bund, mit dem Ziel Regelbetrieb 2026 (noch mit Sicherheitsfahrer, eine Verschiebung ist nicht ausgeschlossen). Für München kündigten Uber, Autobrains und Nvidia im Juni 2026 ein Pilotprogramm an, bislang ohne Startdatum. Vorsicht übrigens bei Mercedes-Meldungen: Das für Ende 2026 angekündigte System „MB.Drive Assist Pro“ ist ein Level-2-Assistent mit Übernahmepflicht, kein Robotaxi.
11. Meilensteine: Von 2009 bis heute
Auffällig ist der lange Atem, den die Branche gebraucht hat. Zwischen Googles Projektstart 2009 und dem ersten öffentlichen fahrerlosen Dienst lagen elf Jahre, zwischen Phoenix und der halben Million Wochenfahrten noch einmal fünfeinhalb. Und der Uber-Unfall von 2018 sowie das Cruise-Aus von 2024 erinnern daran, wie schnell ein einzelner Vorfall Jahre an Fortschritt kosten kann.
12. Fazit: Der Kipppunkt ist erreicht, aber nur punktuell
2026 ist das Jahr, in dem Robotaxis vom Experiment zum Geschäft werden. Waymo verzehnfacht seine Fahrten in anderthalb Jahren, Apollo Go nähert sich in Wuhan dem Break-even, die Preise nähern sich Uber an, und die Sicherheitsdaten sind über mehrere unabhängige Quellen hinweg konsistent positiv.
Gleichzeitig bleibt der Markt extrem konzentriert. Zwei Unternehmen stehen für den Großteil aller Fahrten weltweit, Tesla bleibt trotz aller Schlagzeilen ein Nischenanbieter mit 59 Fahrzeugen (Stand Juni 2026), und Europa beginnt gerade erst. Ob aus dem Kipppunkt ein Massenmarkt wird, entscheidet sich an zwei Fronten: bei den Regulierungsbehörden, die 2026 spürbar strenger geworden sind, und bei den Kosten pro Fahrzeug, wo China das Tempo vorgibt.
Die KI-Modelle hinter diesen Fahrzeugen und ihre Fortschritte findest du in meinen KI-Statistiken. Und wie autonome Systeme jenseits der Straße skalieren, zeigt mein Artikel zu den KI-Agenten-Statistiken.






